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Windows Phone 8: Endlich ein Smartphone OS für Erwachsene

Seit Anfang der Woche ist die Katze aus dem Sack, bzw. Windows Phone 8 vorgestellt. Tech-Sonar war auf der Presseveranstaltung in München, und hat sich per Live-Stream aus San Francisco die wichtigsten Details des neuen Smartphone-Betriebssystems zeigen lassen. Am wichtigsten sind wohl die Live-Kacheln, diese lassen sich im Vergleich zur Version 7.5 noch weiter personalisieren, auch auf dem Lockscreen. Beim iPhone geht das gar nicht, unter Android nur bei manchen herstellerspezifischen Benutzeroberflächen (Video), oder wenn man zusätzliche Apps installiert.

Wer sein Telefon öfter mal an kleine Neffen, Nichten oder die eigenen Vorschul-Kids abtreten muss, wird sich über die “Kid´s Corner” (Video) freuen: Man kann sozusagen einen zweiten Benutzer mit eingeschränkten Rechten auf dem Smartphone anlegen – das hat den Vorteil, das ein spielendes Kind weder an den Twitter- noch an den E-Mail-Client kommt, nichts aus dem Internet herunterladen und auch kein sonstiges Chaos auf dem Gerät veranstalten kann. Präsentator Joe Belfiore, Microsofts Windows-Phone-Chef, holte zum Beweis auch gleich drei Kinder (wie es hieß, die eigenen) auf die Bühne, um das Feature live zu und erfolgreich zu testen. War übrigens mal was ganz anderes als die technokratischen und selbstverliebten, PR-Shows so vieler andere Hersteller (nicht dass wir da jetzt Namen nennen wollen…) In eine ähnlich familienfreundliche Richtung geht „Rooms“, eine Art Multimedia-Chatroom, den man mit verschiedenen Benutzergruppen einrichten und dort etwa auch Kalender und Bilder teilen kann. Das soll sogar über mobile Plattformgrenzen hinweg funktionieren.

Die praktische  – und etwa von Symbian und vom Blackberry –  bekannte Kompression von Daten beim Surfen soll helfen, das immer noch knappe Limit bei den mobilen „Flatrates“ auszunützen und wurde mit einer (ebenfalls bei Android bereits verfügbaren) Option zum Zählen des verbrauchten Volumens kombiniert. Das wird auch die Provider freuen, die gerade im Ballungsräumen ja zum Teil immer noch mit satten Kapazitätsengpässen im mobilen Internet zu kämpfen haben. Genügend Traffic wird auch ein Windows Phone 8 immer noch verursachen: Über Skydrive können alle Windows-Geräte synchron gehalten werden. Auch das ist jetzt nicht so neu, wie Microsoft es darstellt: Auf Android Phones lässt sich ein ähnliches System via Dropbox, Flickr, Dolphin Browser und Double Twist selbst zusammenstellen, wenn man nur ein bisschen rumprobiert, und unter iOS gibt es eine ähnliche  Basisfunktionalität ebenfalls über die iCloud. Trotzdem scheint die Cloud-Anbindung unter Windows Phone 8 ziemlich einfach, auch für Nich-NERDS anpassbar und smart zu sein – man wird es sehen, wenn die ersten Geräte „in freiere Wildbahn“ auszuprobieren sind. In München konnte man – wenn man sich denn durch das Gedränge drücken konnte – Modelle von Nokia, HTC und Samsung in Augenschein nehmen, die ersten Exemplare für den gemeinen Käufer soll es ab Anfang November geben.

Bis dahin hat sich das App-Angebot hoffentlich doch noch etwas verbessert. Microsoft gab zwar an, dass 46 der 50 am meisten benutzten Apps bereits verfügbar sind. Anscheinend hat die Allgemeinheit aber doch einen etwas anderen Geschmack als ich: Mein absoluter Liebling Öffi fehlt ebenso wie eine sinnvolle Dropbox-Anbindung (Skydrive, ich weiß – aber ich lasse mir ungerne vorschreiben, welche Dienste ich nutze, von Apple ebenso wenig wie von Microsoft!). Den Controller für unser Sonos-System vermisse ich genauso wie eine native Xing- oder Flinkster-App, Remember The Milk, Double Twist  oder Touchnote. Immerhin: den DB Naviator, Linkedin, Evernote und den Kindle Reader gibt es bereits. Man muss auch zugeben, dass sich eine Reihe der genannten Apps mehr oder weniger leicht substituieren lassen – so gibt es etwa Connector-Apps für Macs und PCs, die Playlists aus dem Apple-Verse übertragen, und Aufgabenlisten kann man auch in Outlook anlegen. Wie allerdings E-Books und Online-Abos aus dem iTunes-Store gehandhabt werden sollen, darüber gab auch die Microsoft-Präsentation keine Auskunft. Die Pandora-App wurde dagegen groß beworben – dummerweise ist der Internet-Radiodienst, den man in den USA beim Kauf eines Smartphones ein Jahr als Premium-Nutzer erleben darf – in Deutschland nicht verfügbar.

Kann man schon „switchen“? Kommt wahrscheinlich auf die Ansprüche an, die man an sein Smartphone hat. Business-Nutzung (Outlook-Abgleich) und Spiele werden derzeit schon ganz gut unterstützt, bei vielen anderen lieb gewonnen Diensten hapert es derzeit noch ein bisschen. Ich hoffe, das wird sich bald noch ändern – denn ein so durchdachtes, modern wirkendes Betriebssystem ist eine schöne Abwechslung nach all den inzwischen arg drögen ud seltsam “2007″ wirkenden Icon-Reihen. Gut möglich, das Windows Phone 8 zunächst eher von Geschäftsleuten und erwachsenen „Profi-Nutzern“ angenommen wird als von spielverrückten Youngsters. Was ja auch nicht schlimm wäre.