Hands-on HP Veer: Der Handschmeichler

HP kaufte im April 2010 den Organizer-Pionier Palm und will dessen Betriebssystem WebOS mit neuen Geräten frischen Schwung einhauchen. Mit dem Mini-Slider Veer ist jetzt das erste Modell der neuen Produktreihe in Deutschland über O2 auf dem Markt. Alternative zu Andoid, iOS und Co oder letztes Aufbäumen der Kultfirma?

DISCLAIMER: An meinen ersten Organizer, einen alten Palm IIIx, erinnere ich mich noch heute: Obwohl das Teil mit grobkörniger S/W-Anzeige glänzte und noch nicht mal W-LAN konnte, liebte ich es heiß und innig: Adressen, Notizen und Adressen zum Mitnehmen, wie herrlich! Ich hege also eine große Sympathie für Palm, und war über die wechselhafte Geschichte des Unternehmens hinweg immer wieder Besitzerin des einen oder anderen Modells. Deshalb freute es mich auch sehr, dass HP mit dem 9,7-Zoll Tablet Touchpad, dem Pre3 und dem Modell Veer gleich eine ganze Linie auf den Markt bringen will.

Erste Schritte

Liebes bisschen, ist der winzig! Was die Form (Slider mit QWERTZ-Tastatur) angeht, unterscheidet sich der (die? das?) Veer nicht essenziell vom Palm Pre – das Gerät ist allerdings so klein, dass selbst mein wirklich zierliches HTC Wildfire S dagegen plump aussieht, obwohl der Veer mit 103 Gramm derselben Gewichtsklasse liegt. Das dürfte damit zusammenhängen, dass der Veer extrem massiv und hochwertig verarbeitet ist.

„Wie lädt man das denn auf? wundert sich mein Mann, der das Gerät ausgepackt hat, und etwas ratlos das wirklich schicke Touchstone in den Händen dreht. Da legt man den Veer drauf und er lädt per Induktion, festgehalten von einem Magnet. (Übrigens das einzige Stück in der Schachtel, auf dem noch „Palm“ verzeichnet ist – das waren wohl noch ein paar Exemplare vom Pre übrig, da war der Touchstone nämlich zum Teil Zubehör …) Weil das aber doch ganz schön sperrig ist, gibt es auch noch einen „normalen“ Ladestecker seitlich, der ist allerdings so proprietär, dass man ihn besser immer dabei, keine Chance auf ein Drittanbieter-Ladegerät, oder auch nur darauf, sich irgendwo eines zu leihen, wenn man das eigene vergessen hat. Immerhin: Mit 300 Stunden Standby und 5 Stunden Gesprächszeit sollte das theoretisch nicht so oft der Fall sein. Nach ein bisschen Ausprobieren würde ich allerdings schätzen, dass bei realer Nutzung (Google-Anbindung, ein bisschen surfen und downloaden) die Laufzeit ähnlich wie bei den meisten aktuellen Smartphones, also etwa ca. einen Arbeitstage lang sei dürfte. Gegen 20 Uhr war mein morgens geladener Akku jedenfalls ziemlich leer. Da dieser fest eingebaut ist, wird die SIM in einen Steckschacht oben eingelegt, das ist vor allem praktisch, wenn man das Teil als Zweitgerät nutzt.

Auch ansonsten unterscheidet sich das Gerät doch ein Stück weit von dem, was man von aktuellen Smartphones gewohnt ist. Die Touchscreen mit 6,6 cm Diagonale und 320 x 400 Pixeln Auflösung füllt nicht die ganze Vorderseite des Geräts aus, unten gibt es eine Bedienleiste für die Gestensteuerung. Die bringt einem der Veer auch durchaus autoritär bei, wenn man das Smartphone zum ersten Mal anschaltet. Zuvor muss man allerdings noch seinen Palm-Account einrichten (oder aktivieren), sonst geht gar nichts. Ich weiß nicht, ich mag solche Kontrollfreak-Konzepte nicht besonders (iPhone lässt grüßen!), ich sehe ich lieber erst mal auf einem Gerät um, bevor ich mich für irgendetwas registriere. Immerhin wird nur ein Name und eine Mailadresse verlangt. Den Riegel oben, der neben der Touchscreen auch den Klingelton ausschaltet, finde ich dagegen praktisch. Der Veer hat keinen eigenen Kopfhöreranschluß, das wird über einen Adapter für den Ladeport geregt. Der liegt, wie ein Headset, bei, trotzdem finde ich die Lösung sehr unbefriedigend: Das bedeutet nämlich nicht nur, dass man sich unterwegs nirgends schnell mal einen Kopfhörer leihen kann, sondern auch, dass über USB/Ladestecker aufladen und per Headset telefonieren nicht drin ist.

Make it mine

Im Vergleich zu Android, BlackberryOS, iOS, und Symbian ist die Anzahl der Apps für WebOS ziemlich überschaubar, und das bedeutet, das mein Lieblinge Kindle, Remember The Milk und Öffi allesamt nicht verfügbar sind. Immerhin: Evernote, Angry Birds,  Facebook und diverse Twitter-Clients gibt es, vorinstalliert ist außer einem Mediaplayer, Organizer, Linked-in-Unterstützung und Google Maps so gut wie nichts. Ein Smartphone für Puristen (oder Geschäftsleute). Wer Oberflächen wie iOS oder Android gewöhnt ist, für die es fast alles gibt, kommt sich da leicht amputiert vor. Positiv fällt auf, dass es eine Microsoft-Exchange-Anbindung  „aus der Schachtel“ dabei ist, und die Einrichtung meines Google-Kontos (inklusive Kalender und Adressen, aber ohne Aufgaben!) reibungslos funktioniert. Beim Eintippen diverser Konten musste ich mich dann doch ziemlich gut konzentrieren – die Tasten sind selbst für kleine und gut koordinierte Hände (hey, ich hab meinen ersten Computer mit Stickarbeiten verdient!) reichlich fitzelig. Mein Mann, der privat mit einem doppelt so großen alten Nokia-Knochen glücklich ist, findet aber, dass die griffigen Tasten des Veer das kleine Format ausgleichen.

Auch an die Gestensteuerung muss man sich erst mal gewöhnen, ich habe das Programm mehrfach wiederholt. Dass die Reaktionen gelegentlich ein bisschen langsam sind, macht die Sache nicht besser. Gut gefallen hat mir die rundlich-freundliche Benutzeroberfläche insgesamt, man rotiert sich einfach durch die offenen Anwendungen, mit der Geste „hoch“ geht’s zum Startbildschirm, mit „zurück“ und „vor“ navigiert man innerhalb der App. Für das Haupmenü braucht man aber doch wieder den „up“ Icon rechts unten auf dem Bildschirm. Dass man den App-Stapel ausdünnt, indem man nicht benötigte einfach nach oben wegschnippt, habe ich dann eher durch Zufall entdeckt (aber ich bin damals auch wie ein Depp von meinem iPod Touch gestanden und hab „Slide to unlock“ nicht kapiert …)

Multimedia

Mit Mediaplayer und 5-Megapixel-Kamera mit Fixfokus ist die Multimedia-Ausstattung eher durchschnittlich, die Bilder, die ich mit der Kamera gemacht habe, fand ich in Ordnung (hier ein Beispiel). Gelegentlich kam es zu Fehlern („das Bild kann nicht gespeichert werden“). Wer viel fotografiert, wird sich das Kamera-Icon in die Startleiste legen – bis man sonst durch das Menü durch ist, ist der Moment garantiert vorbei. Ein bisschen störend fand ich die Tatsache, dass man es keinen Kartenslot gibt, zumal Bilder nur per E-Mail oder MMS verschickt werden können, und zwar selbst wenn Bluetooth aktiviert ist. Mit 6,5 GB, die dem Nutzer zur Verfügung stehen, ist der Speicher nicht übermäßig groß, ein paar (mehr) Playlists passen aber locker drauf. Bei der Übertragung mit Doubletwist wurden im Test die Cover, so vorhanden, mitgenommen. Tracks aus den zu synchronisierenden Playlisten wurden vollständig übertragen, sie fanden sich auf dem Veer allerdings nicht mehr in den Sammlungen wieder. Überrascht hat mich der kleine Lautsprecher – die Soundqualität war recht ansprechend. Den mitgelieferten Kopfhörer fand ich dagegen eher medioker. Dank GPS lässt sich Google Maps zur Navigation nutzen. Die Fahrzeug- und Fußgängernavigation funktionierte fix und zuverlässig, unter den Tab ÖPNV wurde der „aktuell abgedeckte Bereich überschritten“.

Fazit

Würde ich mir das HP Veer kaufen? Derzeit wahrscheinlich eher als Zweithandy zum Ausgehen, denn da bietet es alles, was man für einen netten Abend braucht – und das in einem kleinen, schicken Gerät. (Das allerdings mit knapp 380 Euro ohne Vertrag kein Schnäppchen ist.) Als Smartphone eignet er sich derzeit eher für Wenignutzer und Einsteiger, was klar an den fehlenden Apps liegt. Ansonsten hat der nämlich alles, was ein Smartphone braucht: Gute Verarbeitung, stabiles, gut erlernbares Betriebssystem, sinnvoller Formfaktor – ich jedenfalls komme mir ziemlich blöd vor, wenn ich mit einem 5-Zoll-Bügeleisen am Ohr telefoniere, und sei das Handy noch so smart.

Sollte die drahtlose Synchronisation mit dem Touchpad Wirklichkeit werden, ist der Veer sicher auch als Companion zu diesem Tablet hochinteressant. Mit entsprechender Unterstützung durch HP wäre WebOS im Geschäftskundenbereich vielleicht sogar als Alternative zu BlackberryOS denkbar – moderner und stringenter wirkt das Betriebssystem allemal.