Hands-on Lomo Sardina: Fotos mit der Fischkonserve

Kleinbildfilm statt Speicherchip – die La Sardina-Kamera von Lomo ist ein Trip zurück in die analoge Vergangenheit der Fotografie, verpackt im schicken Design einer Sardinendose aus Kalifornien. Retro-Spaß oder Kuriosum? Ein ganz persönlicher Erfahrungsbericht.

Einst, also so Anfang der Neuenziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, ist die Lomografie-Bewegung aus ein paar Freaks entstanden, die an den unvorhersehbaren Ergebnissen, die man mit alten Kameras meist russischer Provenienz erzielen konnte, so ihre Freude hatten: Verwackelte, verwaschene, doppelt belichtete Analogfotos, wenn unter 36 Bildern zwei, drei interessante Aufnahmen waren, konnte man sich wahrhaft glücklich schätzen. Heute biete das in Wien beheimatete Unternehmen Dutzende von alten und neuen Modellen an, Instant- und Fisheye-Kameras, Mittelformat- und Panoramamodelle und noch immer auch russische Fabrikate, sowie natürlich passende Filme und anderes Zubehör. Die La-Sardina-Kameras sind das neueste Produkt, erhältlich in vier Farben. Die Geräte gibt es ohne Blitz für knapp 50, zwei weitere Modelle mit Blitz und farbigen Diffusor-Vorsätzen für knapp 90 Euro. Ich habe das rote Modell „El Capitán“ mit „Fritz The Blitz“ benutzt, die technischen Details zu der Kamera findet man hier.

Wir lernen uns kennen

Die El Capitán kommt in einer schick bedruckten Schachtel mit Klarsicht-Decken, komplett mit Batterien für den Blitz und drei Kleinbild-Filmen (ISO 400). Dazu gibt es ein schickes DINA-5-Heftchen mit vielen tollen Bilder – und nichts, was man als Bedienungsanleitung mißverstehen könnte. Hätte ich im ersten Studiensemester nicht noch einen Kurs bei einer älteren Fotografin machen müssen, hätte ich keine Vorstellung davon gehabt, wie man einen Kleinbildfilm einlegt. Nachdem ich ungefähr 10 Minuten rumprobiert habe, fand ich im Internet heraus, dass es auf der Microsite zur La Sardina eine ziemlich gute Anleitung gibt. Ich hätte es schön gefunden, wenn das auch mal irgendwo vermerkt wird.

Auf Fotosafari

Die Bedienung der extrem weitwinkligen Kamera ist ziemlich simpel: Am Objektiv findet man zwei Einstellungen „Käfer“ (0,6 – 1,0 m) und „Gruppe“ (1 Meter bis unendlich). Die korrespondieren mit dem Blitz, hier findet man aber auch noch die Schalterstellung „1/2“. Der Blitz wird automatisch ausgelöst, wenn man ihn anmacht. Vor dem Sucher gibt es noch einen kleinen Schalter: „B“, Bulb Shutter, lässt die Blende so lange offen, wie man auf den Auslöser drückt. „N“ ist die Normaleinstellung für Tagesaufnahmen, und mit „MX“ kann man das Foto mehrfach belichten, der Film wird also nicht weitertransportiert. Mit diesen Grundkenntnissen und den farbigen Diffusor-Vorsätzen für den Blitz machte ich mich auf Fotosafari. Speziell die „B“- und MX-Stellung hatte es mir angetan, doch auch im Normalmodus entstanden eine Reihe von Aufnahmen. Man kann den Film auch mit der Rückzug-Schraube ein Stückchen zurückdrehen, mit etwas Glück wird dann der halbe Rahmen belichtet. Wer übrigens meint, Digitalkameras reagierten langsam: Handaufzug ist auch nicht gerade für Sportfotos geeignet. Das ich ihn auch noch dauernd vergessen habe, machte die Sache nicht besser. Auch den Blick durch den Sucher fand ich zunächst seltsam, aber man gewöhnt sich dran. Wirklich irritierend blieb dagegen, dass man das Bild nicht gleich anschauen kann.

Filme entwickeln?

Wer kein ausgewiesener Profifotograf ist, hat wahrscheinlich kein Heimlabor zu Belichtung von Farbfotos zuhause. Ich auch nicht, und deshalb brachte ich die fertigen Filme zum DM-Drogeriemarkt, denn die entwickeln auch Analogfilme und liefern auf Wunsch gleich die Foto-CD mit. Das ist halbwegs preisgünstig, ich hab pro Film ca. 6-8 Euro inkl. Digitalisierung bezahlt, hat aber einen ziemlichen Haken: In den Großlabors werden die Bilder im Rahmen des automatisierten Belichtungsprozesses mit Bildverbesserungs-Software behandelt. Die kommt mit der großen Mehrzahl an Urlaubsfotos natürlich besser zurecht als mit Kunstaufnahmen – üblicherweise schärft so eine Software das Bild, verbessert die Kontraste und macht z.B. den Himmel blauer. (Hier findet man dazu einen recht informativen Artikel.) Das Bild wird also im Labor nochmals, unter Umständen drastisch verändert. Dem kann man man allenfalls bei Eigen- oder Handbelichtung im Profi-Fotolabor weitgehend aus dem Weg gehen, aber letzteres kostet natürlich ein Vermögen.

Insofern war ich ziemlich gespannt, also ich nach ein paar Tagen die Fototaschen wieder abholte: Die Tagesaufnahmen im Normalmodus waren in der Mehrzahl recht unspektakulär, gefallen haben mir die kühlen Knallfarben, die mit dem blauen Diffusor entstanden sowie die Mehrfach-Belichtungen. Hier findet man ein Auswahl der gelungensten Bilder. Bei den Nachtaufnahmen kam es oft zu massivem farbigem Rauschen, was meines Erachtens aber der Laborsoftware zuzurechnen ist.

Fazit

Ja, ich hatte Spaß, und das, obwohl ich zwar viel fotografiere, aber mich eher der Knipsern zurechne. Das lange Warten auf das Ergebnis erhöht die Spannung. Mit den Papierbildern weiß ich persönlich nicht viel anzufangen (waren bei der Ausbelichtung automatisch dabei), ich empfinde das bei einer Ausbeute von weniger als einer handvoll brauchbarer Fotos pro Film subjektiv als Ressourcenverschwendung, besonders wenn man wirklich viel fotografiert. Fairerweise darf man allerdings den möglicherweise auch nicht kleinen ökologischen Fußabdruck von digitalen Kompaktkameras, SD-Karten und -lesern bei der Beurteilung diese Punktes nicht außer acht lassen.

Würde ich Lomografie als Hobby wählen? Nein, eher nicht, zumindest nicht analog. Bei fleißigem Fotografieren geht die Angelegenheit durchaus ins Geld, und das lange Warten nervt auf Dauer. Es gibt, zumindest fürs iPhone, übrigens mit der Hipstamatic-App auch eine digitale Alternative. Als kleines Abenteuer im Alltag hat mir die El Capitán aber durchaus viel Spaß gemacht.